Der Vaihinger Bürgerentscheid von 2018 läuft im März 2021 aus. Unklar ist noch immer, was nun mit dem Enßle-Gebäude (beim Innenstadtparkhaus) in der Kernstadt passiert. Das Gebäude sollte 2018 abgerissen und ein 3-fach größerer Einkaufs- und Wohnkomplex an seine Stelle treten. Aber braucht es in Zeiten von Online-Handel und Corona überhaupt noch Kaufhäuser und Einkaufszentren, wie wir sie kennen? Wie hat sich das Kaufverhalten in den vergangenen Monaten und Jahren verändert? Wie lässt sich die verödende Innenstadt Vaihingens wieder attraktiver machen?

Wunderschöne Altstadt – und doch oft ziemlich leer. Fehlt hier die Gemütlichkeit? Das besondere Wohlfühlerlebnis? Bildquelle: René Handte

Die Antworten sind vielfältig und kein einfacher Prozess. Verwaltung, Citymanagement und Bürgerschaft müssen an einem Strang ziehen. Denn: Die Verwaltung verwaltet, das Citymanagement managt und die Bürger*innen leben in ihr und nutzen die Innenstadt. Aber keiner kann ohne den anderen eine Innenstadt beleben. Verwaltet die Stadt am Interesse der Bürgerschaft vorbei, geht die Abwärtsspirale weiter nach unten. Managt die Citymanagerin an der Bürgerschaft vorbei, bleibt es bei schlecht besuchten Veranstaltungen. Aber auch die Bürgerschaft muss ihren Teil dazu beitragen: a. Lokal einkaufen, b. Leerstände vermeiden und die Mieten human gestalten und nicht überteuern – da ist jeder Häusle-Besitzer in der Fußgängerzone und unmittelbaren Umgebung in der Pflicht. Auch die Häuser wieder herzurichten (Beispiel: Artos oder Ecke Auricher Straße/Stuttgarter Straße) ist ein Muss. Leerstand und kaputte Häuser ziehen sich irgendwann durch die ganze Stadt. Genauso ansteckend wie ein Virus, das sich weiter verbreitet. Diesen Trend gilt es gemeinsam zu durchbrechen. Gemeinsam heißt: Ideenwerkstätten, Veranstaltungen gemeinsam mit Stadtverwaltung, Bürgerschaft und Citymanagement, Dialogmöglichkeiten u.v.m. Ein Anfang ist der derzeitige Leitbildprozess – dort diskutieren 140 ausgeloste Bürger*innen über Vaihingen-relevante Themen zu unter anderem Wohnen, Arbeiten, Umwelt, Tourismus. Die Vorschläge und Ideen sind bestimmt gut – nun dürfen sie aber nicht in den Schubladen der Stadtverwaltung verschwinden, sondern müssen beherzigt und im Dialog weiterverfolgt werden.

Dabei gilt: Der Blick über den Tellerrand. Wir haben einen gut recherchierten, zugegeben etwas langen, Artikel gefunden: Zukunft der Innenstädte – Das Ende der Kaufhäuser, Malls und Einkaufsstraßen. Zu lesen und zu hören ist der Bericht im Deutschlandfunk Kultur und wir haben ihn für Euch hier verlinkt!

Darin ist zu lesen:

„Nichts ist schlimmer als langer Leerstand in einer Innenstadt, möglicherweise über Jahre. Und ich bin der Überzeugung, die Lösung sieht nicht so aus: eine Kette raus, nächste Kette rein. Die Menschen haben sich daran gewöhnt, gerade in Coronazeiten, online einzukaufen, haben damit teilweise auch ganz gute Erfahrungen gemacht. Und deswegen müssen die Städte darauf antworten.“  – Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebund.

Nur wie? Thomas Krüger lehrt an der HafenCity Universität Hamburg Stadtplanung. Er beobachtet die Entwicklung der Innenstädte schon länger mit Skepsis. „Das Kernproblem ist eigentlich diese Frage: Warum soll ich in die Innenstadt gehen? Also zum Einkaufen in den konventionellen Ketten, die es ja gibt, landauf, landab und überall, brauche ich nicht in die Innenstadt zu fahren. Es gibt keinen Grund. Wenn ich das Angebot überall finde, muss ich mir ja nicht mehr den Stress antun. Im Nahverkehr oder im Stau, Parkplatz suchend in der Innenstadt zu sein, wenn ich da eigentlich nichts Besonderes mehr sehe.“

„Die Innenstadt ist monofunktional geworden. Es ist eine Einkaufslage und sonst nichts. Es gibt wenig interessante Kulturangebote. Es gibt eigentlich auch keine Treffpunkte mehr, die nicht kommerziell sind. Es gibt auch nicht viel zu erleben, weil: Es ist ja eigentlich alles Shopping. Viele inhabergeführte Geschäfte finden nicht mehr statt. Und wenn ich eine neue Geschäftsidee habe, realisiere ich die garantiert nicht in der Innenstadt, weil das viel zu teuer ist. Und was die Gastronomie angeht, da finden Sie in den stärkeren Lagen nur noch Fast Food. Wir finden eigentlich nur noch To-go-Angebote und können nirgend­wo mehr nett sitzen, in einem schönen Kaffeehaus oder in einem angenehmen Restaurant. Das ist alles in der Nebenlage, wenn überhaupt.“

Thomas Krüger fordert deshalb nichts weniger als eine Neubesinnung der Innenstädte. „Wir brauchen die neuen Geschäftsideen, wo Waren, Dienstleistungen, Handwerk, vielleicht auch kulturelle Elemente und Gastronomie miteinander neue Kombinationen suchen. Das würde die Innenstadt wirklich interessanter machen. Die Innenstadt muss wieder etwas Besonderes werden, so wie sie historisch ja entstanden ist. Das war der Ort, wo es Dinge gibt, die es sonst nirgendwo gibt.“ Ein solcher Neuanfang ist einfacher gesagt als getan.

„Wir müssen die Immobilienwirtschaft dahin bewegen, weg vom Renditedenken zu kommen.“ – Stefan Müller-Schleipen sieht auch die Eigentümer in der Verantwortung. Ohne sie können die gegenwärtigen Probleme der Innenstädte nicht gelöst werden. „Da muss ein Umdenken stattfinden. Dass man weg von dieser renditeorientierten Investition hin zum Gemeinwohl als Mitaspekt denkt und sagt: Wie können wir mit unserem Geld dazu beitragen, den Wohlstand zurück in die Stadt zu bringen. Anstatt immer nur zu sagen: Kriege ich da zwei Prozent mehr – oder da noch etwas mehr.“ Stefan Müller-Schleipen ist Geschäftsführer eines Unternehmens, das digitale Lösungen für eine nachhaltige Stadtentwicklung konzipiert. Der Ausbruch der Corona-Pandemie machte ihm auf dramatische Weise deutlich, dass dringend etwas geschehen muss. 50.000 bis 200.000 Geschäfte, so die Schätzungen, könnten in Folge der Pandemie insolvent gehen.

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